Aufarbeitung gruseliger Geschichte

08.08.2022
Kategorie: Aktuelles
von  NGW-Redaktion/mk

 

Deutsch-Polnisches Schulprojekt am NGW holt vergessene Biografien von Euthanasie-Opfern ans Licht

 

Aus der Wilhelmshavener Zeitung vom 5.8.2022, Seite 4

 

Zwischen 1936 und 1947 wurden in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen rund 1500 mutmaßlich (psychisch) kranke Patienten ermordet. Darunter waren viele Kinder – auch aus Wilhelmshaven. 17 Schüler des Neues Gymnasium (NGW) arbeiten daran, die Schicksale einzelner Kinder zu recherchieren.

 

Biografie Arbeit mit Original-Quellen

„Kinder ohne Zukunft“ ist das Schulprojekt überschrieben, das sich mit diesem Kapitel der Euthanasie im Dritten Reich beschäftigt. Dabei zeichnen die Teilnehmer die Biografien der Kinder auf Basis von Originalquellen, nämlich den Krankenakten nach, die in der dortigen Gedenkstätte archiviert sind, aber bisher noch nicht gesichtet wurden.

„Dazu fehlen uns einfach die Kapazitäten“, sagt der Medizinhistoriker Dr. Ingo Harms, dessen Buch „Wat mööt wi hier smachten … – Hungertod und Euthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen im Dritten Reich“ 1997 zur Gründung des Gedenkkreises Wehnen führte, der wiederum 2004 die Gedenkstätte realisierte. Zur Unterstützung seien Projekte – so wie das des NGW – enorm wichtig.

 

Über Polen nach Bad Zwischenahn

Dass das Thema Euthanasie durch Wehnen (Gemeinde Bad Zwischenahn) einen so regionalen Bezug hat, war René Lanfer, Geschichtslehrer am NGW, anfangs gar nicht bewusst. Er hatte das Projekt mit seiner Kollegin Dr. Wiebke Endres auf den Weg gebracht. Die Idee entstand nach einem Besuch einer früheren Klinik im polnischen Lublinitz, in der die Nazis „kranke“ Patienten ermordeten. Dann, so erzählt Lanfer, sei der Kontakt zu Dr. Ingo Harms entstanden und das Projekt zu einem polnisch-deutschen erweitert worden. Die deutschen Schüler recherchieren in Wehnen, die polnischen in Lublinitz. Gegenbesuche sind fest eingeplant.

 

Wie die Teilnehmer das Projekt erleben

„Das Thema hat mich extrem interessiert“, sagt Josi (Jahrgang 12). „Von Wehnen hatte ich vorher allerdings noch nie etwas gehört. Aber es ist eine tolle Chance, einmal mit noch ungesichteten Akten arbeiten zu können.“ Ähnlich sieht es Zainab (JG 11). „Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass so etwas wie in Wehnen wirklich passiert ist.“

Die Geschehnisse selbst seien „gruselig und unglaublich“, findet Jane (JG 12). Die Arbeit aber habe Spaß gemacht. „Der 2. Weltkrieg ist immer ein spannendes Thema, aber das Nichtwissen um das Schicksal von Jugendlichen und Kindern macht fassungslos.“ In der Schule werde das Thema Drittes Reich meist auf militärische Aspekte begrenzt, ergänzt Alina (JG 12 ). Auch in den Schulbüchern finde sich wenig zur Euthanasie von Kinder und Jugendlichen. „Wir gehören selbst zu dieser Altersgruppe. Da vergleicht man automatisch, wie die Jugendlichen damals lebten und wie wir heute.“ Die Sicht auf diesen Teil der Geschichte sei für Gleichaltrige noch einmal eine andere – vielleicht sogar eine bessere, vermutet Alina.

Guellana und Naomi (JG 11) räumen ebenfalls ein, vorher nie von der Thematik gehört zu haben. Dann als allererste mit den echten Krankenakten zu arbeiten, sei ein besonderer Reiz gewesen. Auf der anderen Seite die Korrespondenz zwischen Klinik und Angehörigen zu lesen, zu erfahren, wie Ärzte bewusst über den Gesundheitszustand gelogen haben, Patienten systematisch das Essen entzogen wurde, weil sie „nicht arbeitsfähig“ waren und elend verhungerten, sei erschütternd gewesen.

 

Ende der Aufarbeitung ist längst noch nicht in Sicht

60 Namen hatte Dr. Ingo Harms im Vorfeld herausgefiltert, vier Schicksale wurden bislang von den Schülern aufgearbeitet. Für sie sollen dort, wo sie einst in Wilhelmshaven gelebt haben, digitale Stolpersteine erstellt werden. Die Adressen sind bekannt. Geplant sind QR-Codes, die vor Ort digital zur Biografie der Getöteten führen.

Dass zu realisieren, sei gar nicht so leicht, weiß Harms „Manche Gebäude gibt es nicht mehr oder es stehen dort inzwischen andere.“ Auch heutige Anwohner und/oder noch lebende Angehörige der Opfer könnten etwas dagegen haben. „Bei uns in der Gedenkstätte werden die aufgearbeiteten Schicksale in jedem Fall verewigt. Wir hatten bereits 40 Biografien erfasst, jetzt kommen vier dazu.“ Gut 10 000 Patientenakten gebe es, bei 1500 handele es sich um Euthanasie-Opfer. „Schon über 300 Familien haben sich an uns gewandt. Meist sind es Enkel oder Urenkel, die mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen, die damals in Wehnen waren, wissen möchten. Der Strom reißt nicht ab.“

 

 

 

 

 

 


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