Geschichten und Gedanken zu Europa

10.05.2022
Kategorie: Aktuelles
von  NGW-Redaktion/mk

Der Tanz zur Heimat


von Coleen Brumme

 

Kapitel 1- Frankreich

 

« Aléa Genvier ! Dansez, maintenant ! « Aléa stand ruckartig auf und stellte sich ruhig in die Mitte des Saals. Sie nahm die erste Position ein und spannte ihren gesamten Körper an: « Maintenant », schrie es in ihr und die Musik begann. Jeden Schritt führte sie präzise aus und sie bewegte sich flüssig und voller Spannung. Nun der Sprung, endend in einer Arabesque. Der gesamte Fußballen berührte den kalten Bühnenboden, Aléas Augen verengten sich und kraftvoll sprang sie ab, spreizte ihre Arme und Beine in perfekten Winkeln und landete in Frankreichs schönster Arabesque. Nach einem Abschluss-plié verließ sie den Raum und ließ sich nieder. „That was awesome!“, rief eine Stimme, die Aléa liebte. In ihr flackerndes Augenlicht trat ein junger gut aussehender Mann, formell gekleidet und vor Stolz strahlend. Aléa raffte sich auf und umarmte ihn mit letzter Kraft. Sie hatte alles gegeben. Liebe, Kraft, Tränen, Schweiß und sie hatte es verdient, mit der Kompanie der Pariser Oper zu reisen. Sie hatte es verdient, die Welt zu sehen und zu Schuhmann und Beethoven zu tanzen. „Salut Josh! My day was so exciting! I absolutely hope we can travel around Germany! But I don’t know if I am good enough.“ „Of course you are! You are Aléa Genvier! They must love you! Everyone loves you!“ Aléa musste lachen und ihr schmerzte jede Bewegung, doch Josh ist einfach Humor in Person.

„Mesdames et Messieurs ! Maintenant la dernière ballerine dans notre compagnie, c’est Aléa Genvier !“ Aléa strahlte mit ihrem ganzen Gesicht und freute sich sehr. Endlich konnte sie reisen und tanzen, mit der besten Kompanie Europas. Nun konnte sie einen der renommiertesten Jobs Europas bekommen!

Langsam, aber aufrecht und gerade schritt Aléa zum Kompanieleiter und nahm ruhig das Zertifikat an: „Merci monsieur, merci beaucoup !“ Aléa bedankte sich, knickste und rannte aus dem théâtre du Châtelet und zog Josh mit sich. Er strahlte sie an und hielt ihre zarten Hände: „I knew you could do it!“ Die Aussicht auf dem Vorplatz des théâtre war wunderschön, im Sonnenlicht ließ sich Aléa fallen und genoss die letzte Kraft, den letzten Hauch Sonne am Abend bevor ihre Reise beginnt, in den Armen ihres Partners, in ihrer Heimat Paris. Und Aléa wusste, es würde hart werden, sie wird weinen, schreien und verzweifelt sein, doch bei Josh konnte sie sich fallen lassen, seine Liebe und seinen Stolz spüren, das alles bei Josh, dem wohl freundlichstem Mann Großbritanniens.

 

Kapitel 2- Schweiz

 

Der letzte Koffer war gepackt und die Spitzenschuhe sicher verstaut. Aléa trug ein pastelloranges Trikot und eine bequeme, weiße Jogginghose. Ihr Dutt war stramm am Kopf sitzend und ihre Augen glitzerten. Das glasige Blau in ihren Augen strahlte Freude und Trauer zugleich aus. Aléa warf einen letzten Blick auf den Eiffelturm von ihrem Appartement aus. Dann verließ sie Paris.

„Où est le car ?“, fragte Aléa eine andere, offensichtliche Ballerina aus der Kompanie. Sie antwortete in leicht gebrochenem Französisch: „Regardez ! À droite, au bord de la Seine !“ „Oh merci!“ Zusammen mit der Tänzerin schritt Aléa zum Reisebus. « Pendant le voyage, nous pouvons parler un petit peu.» « Oui bien sûr. Moi, je suis Lieànne. » « Pardon, moi, je suis Aléa ! »  Lieànne lächelte Aléa zu. Nun warteten 6 Stunden Fahrt auf die beiden, und für Aléa 5 Tage 570 km von zu Hause und ihrer Familie entfernt. „Tout est bien ?“ „Ça va. Je suis nerveuse.“ „Je comprends. Mais c’est trop cool ! Est-ce que tu as déjà été en Suisse ?“ „Non.“ „Le pays est très jolie !“ „Donc, tu aimes la Suisse ?“ „Oui, moi et mes parents, nous sommes de Suisse.“ „Alors, tu parles allemand ?“ „Oui!“ Aléa war beeindruckt. Deutsch war kompliziert, das wusste sie aus der Schule.

Nach 6 Stunden Fahrt waren sie angekommen. Bern, so eine schöne Stadt. Die Sommersonne bräunte Aléas Haut. Nach dem Einchecken im Hotel, ging sie auf einen Spaziergang mit Lieànne. „La Suisse est très jolie !“ „Je te l’ai dit.“ „Et tu as raison !“ Die beiden liefen an der Matteschwelle lang, einem wunderschönen Fluss, dessen Wasser zauberhaft glitzerte. „Est-ce que tu sais où nous allons danser ?“ „Oui, dans le Konzerttheater.“ „Le théâtre avec la bohème ?“ „Oui.“ Lieànne trug dieses stolze Lächeln auf ihren Lippen, einmal im Konzerttheater von la bohème zu tanzen. Für Aléa war es fast unglaublich, auf einer Bühne zu stehen, auf der Puccini seinen Stolz präsentierte, ein meisterhaftes Kunstwerk erschuf.

„Eins, zwei, drei, vier, Pause, fünf, sieben, acht, von vorne…“, es begann. Das härteste Training, das Aléa je zu spüren bekam, ein meisterhafter Choreograf, der Fehler nicht duldete, ein Choreograf, an den man sich anpassen musste. „Die deutschen Klischees gefallen mir immer noch am besten.“ Außerdem ging es immer nur um ihn. Auch Aléa war nur eine seiner Tänzerinnen, die ihn widerspiegelten und zeigen sollten, wie toll er doch war. Aléa kannte das schroffe, eitle Verhalten von Choreografen gut, schließlich war ihr Vater selbst einer, doch nach Höflichkeit oder Respekt konnte sie sich hier nur sehnen. „Genvier! Raus!“ Aléas Deutsch war zu schlecht, um zu verstehen, was der Choreograf meinte, also, setzte sie neu an und tanzte zu Beethovens Frühlingssonate eine Choreografie ihres Vaters. Lieànne schaute sie erschrocken an. „Mädchen aus dem Weg!“ Alle Tänzerinnen folgten der Anweisung des Choreografen und schufen Platz. Die Pianistin spielte weiter. Aléa tanzte. Und der Choreograf, er stampfte, er stampfte den Takt des Liedes nach. Aléa hatte nichts in ihrer Außenwelt mitbekommen. Sie tanzte für Josh, mit Liebe, sie wusste, dass es nicht das war, was der Choreograf ursprünglich von ihr wollte, doch sie hatte nicht viel zu verlieren. Sie hatte die Schweiz gesehen, ein wunderschönes Land, angrenzend am wunderschönen Frankreich. „Attendez!“ Er siezte Aléa, mitunter die höchste Ehre, die man als Choreograf einer Tänzerin gab. Aléa stoppte in einer Attitude und anders, als es normale Tänzer tun, verweilte sie in ihrer Figur. Kein Muskel zitterte, es sah so leicht aus, doch das war es nicht, schließlich verkrampften sich ihre Muskeln und der Choreograf bemerkte es. „Arrêtez de faire cela! Maintenant, ou vous quittez la pièce comme je le voulais !“Aléa verstand. Das Französisch des Choreografen war beeindruckend flüssig und ohne jeglichen Akzent. Aléa löste auf. „Why should I leave?“ „Oh, du musst nicht meinetwegen Englisch sprechen, ich bin nämlich gebildet genug, 5 Sprachen zu sprechen, zu denen du, dem Anschein nach, keinen Bezug hast. Dafür bist du aber in der Lage, die Sprache des Tanzes zu verstehen und ich verzeihe dir, dass du mich gerade nicht verstehen kannst. Jetzt aber sollte dir deine Freundin übersetzen. Ihr seid entlassen und morgen um 4 Uhr ist Training. Ich erwarte euch alle bei Sonnenaufgang im hellblauen Trikot.“ Lieànne versuchte sich an jedes Wort, das der Choreograf von sich gab, zu erinnern und übersetzte es Aléa, ohne etwas auszulassen.

„Morgen, Good Morning und Bonjour!“ Was für eine freundliche Begrüßung eines sehr gut gelaunten Choreografen! „So damit ihr mich alle versteht, spreche ich ab jetzt Englisch.“ Dies war ein weiterer Schritt zur Vernunft. Er passte sich den Tänzerinnen an und erwartete nicht mehr, dass sie sich ihm anpassen. „15 girls. But today are just 13 here! Where are the others?“ Sein Englisch war schlecht, noch etwas, das Aléa bewies, wie menschlich er war, wobei sie nie davon ausgegangen war, dass er ein Unmensch sei. „Pia and Lola are ill.“, antwortete Kira, ein Mädchen aus der Schweizer Kompanie. „Oh. Not good. They must leave. If you don’t come to just one training you are out.“ Vielleicht war der Choreograf doch eher unfreundlich.

Nach fünf Stunden intensivem Training entließ der Choreograf alle, bis auf Aléa. „Genvier wait!“ Aléa blieb ruckartig stehen und drehte sich um. Heute fand das Training auf der Dachterrasse des Sportrestaurants statt. Die helle Vormittagssonne war so blendend, dass Aléa eine Sonnenbrille aufgesetzt hatte und nun den blonden, schlanken Choreografen anschaute: „Yes. What’s up?“ „Ähm… Are you  single?“ Aléa war verwundert. „Why… No, I’m not.“ „Good. Bye.“ Er winkte mit der Hand. Doch er sah traurig aus. Aléa wurde immer sehr höflich erzogen, also fragte sie nach, ohne forsch zu wirken: „You’re feeling good, right?“ „No.“ Mit dieser Antwort hatte Aléa nicht gerechnet. „Is it okay that I ask you why?“ „Of course. I need a dancer that comes with me to Poland.“ „Oh but I guess for you it isn’t hard to find someone.“ „Oh it is. She must stay at me for one year. It is a long journey through Poland for a dancing competition. It is like a European Championship. And you are perfect. But you have a boyfriend. I guess you can’t be away that long with another boy.“ Aléa nickte. Sie wollte Josh nicht so lange allein lassen. „Did you ask Lieànne?“ Aléa fiel ein, dass Lieànne nicht vergeben war. „I’ll ask her if you want.“ Der Choreograf nickte und sagte dann: „You are the best dancer in the compagnie and I know you would win if you come with me, I’m shore you would.“ Aléa ging.

„Lieànne!“ „Tu peux m’appeler Anne.“ „Oh, cool. Anne, est-ce que tu veux voyager avec notre chorégraphe ? Pendant toute une année, pour un championnat de danse.“ „Wow. Krass. Avec notre chorégraphe ? Il est adorable et très joli !“ „Est-ce que tu l’aimes ?“ „Oui, un peu.“ Anne hatte sich wirklich in den Choreografen verguckt. Nun war sie umso stolzer und fröhlicher, mit ihm nach Polen zu gehen, um ihn besser kennenzulernen. Aléa war schon am Anfang aufgefallen, dass Anne den Choreografen mochte. Doch anscheinend hatte der Choreograf ein Auge auf sie geworfen, wobei Aléa doch eigentlich gehen sollte, oder war es ein Experiment? Was wollte der Choreograf von ihr?

 

Kapitel 3- Österreich

 

Es ging weiter. Aléa hatte nun endlich etwas anderes als Frankreichs kleine Kaffs und Paris gesehen. Bern, eine wunderschöne Stadt, doch eine Reise ohne das Ballett hätte ihr auch gefallen. In der einen Woche konnte sie kaum etwas von Bern sehen, bis auf den Fluss und einige Parks. Das Training war wichtiger, in einer begehrten Kompanie angenommen zu werden. Aléa hatte ihr erstes Angebot vertan, sie hätte mit einem Meisterchoreografen in Polen die Europameisterschaft verbringen können und berühmt werden können. Sie hätte, doch Josh wollte kommen. Er wollte nach Österreich kommen. Morgen. Nur für Aléa. Er wollte in den Flieger steigen und sie besuchen.

Am ersten Tag durften die Tänzerinnen ganz entspannt in Wien ankommen und die Zeit genießen. Aléa musste neue Leute kennenlernen. Bis jetzt hatte sie nur Anne, doch schon übermorgen würde sie abreisen, gemeinsam mit Frank, so heißt der Choreograf aus der Schweiz. Anne und er hatten ein eigenes Hotelzimmer und angeblich, wie Anne es berichtet hat, hatte es zwischen den beiden bereits gefunkt. Heute war Anne noch einmal mit in der Stadt, morgen aber würde sie abreisen und an den Europameisterschaften in Warschau teilnehmen. Danach würde es in ein Trainingslager für die Weltmeisterschaften gehen, mit Franks Choreografien. Sie war glücklich. Und Aléa fand das schön. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie würde morgen Josh treffen und mit ihm spazieren gehen und zu österreichischer Musik tanzen und natürlich Würstchen essen. Echte Wiener Würstchen. Spezialitäten aus anderen Ländern fand Aléa schon immer interessant und sie wollte unbedingt wissen, wie die Wiener Wurst schmeckt. Die französischen Spezialitäten kannte sie schließlich, Macarons. Und natürlich auch andere Dinge. Das Croissant wollte sie gar nicht erst probieren. Obwohl es eigentlich aus Wien kommt, war sie nicht einverstanden, dass es irgendwo anders, als in Frankreich besser schmecken könnte.

Aléa kam am Stadtpalais Liechtenstein vorbei und das pompöse Bauwerk weckte ihre Inspiration und sie besichtigte es. Als sie wieder herausging, saßen am Eingang mehrere Jungen, die ebenfalls Ballett tanzten. Ihre Musik war eher Hip-Hop, was nicht sehr zum klassischen Ballett passte. Zwischendurch setzten die Jungen Hip-Hop Elemente ein. Sie tanzten einfach nach Intuition und voller Hingabe. Aléa tanzte auch mit voller Hingabe. Sie fand sich wieder. „Hi.“, sagte sie. Sie war fasziniert von den Gefühlen, die die Jungen ausdrückten. Sie bekam keine Antwort, die Jungen waren in ihrer eigenen Welt.

Aléa setzte sich auf eine Parkbank und genoss die Sommersonne. Sie trug eine kurze Shorts und ein weites hellgelbes T-Shirt. Wie sonst nie, waren ihre Haare offen. Plötzlich setzte sich einer der Jungen zu ihr auf die Bank. Er fing an zu sprechen: „Du bist Tänzerin, dass sieht man dir an.“ Aléa konnte ihn nicht verstehen, er sprach Deutsch. „Sorry, I can’t understand you.“ Er schaute sie an. Dann sprach er weiter: „Ich lade dich jetzt auf einen Kaffee ein. Vertraust du mir?“ Aléa spürte etwas Warmes in seiner Stimme, doch sie fühlte sich nicht sicher. Aléa stand auf und nahm ihre Tasche. „Warte! Bitte! Ich möchte dir keine Angst machen. Ich sehe nur, dass du Talent hast.“ Aléa ging.

Das Doppelbett im Hotel war sehr bequem. Durch das angelehnte Fenster konnte man Autos und Schritte hören. Aléa stand auf, ging duschen und frühstückte Pfannkuchen mit Honigsirup. Die Sonne schien, aber es regnete. Einen Regenbogen konnte Aléa nicht finden. Sie schaute auf die Uhr: 08:48 Uhr. Sie zog sich ihr Trikot und eine Jogginghose an. Dann nahm sie ihre Spitzenschuhe und lief zur Trainingshalle.

In 1:40 Stunde würde Josh vor ihr stehen, dann würde sie ihn umarmen und ihm sagen, wie lieb sie ihn hat.

„Tanzt frei“, war das Motto der Choreografin. „Ich bin Mara Kösel und suche eine Prinzessin für das Theater Die Schöne und das Biest. Tanzt zu einem Song aus dem Film eure eigene Interpretation.“ Aléa kannte die Schöne und das Biest auf Französisch. Sie hatte es mehrfach gelesen.

Sie brauchte eine Übersetzung der Aussagen und sie bemerkte, wie praktisch es wäre, Deutsch zu sprechen. Mit ihrem Englisch kam sie weit, aber nicht bei hochnäsigen Menschen, die so stolz auf ihre Sprache waren, dass sie keine andere in den Mund nahmen.

Sie stellte sich leise zu Lisa, einem deutschen Mädchen, dass Englisch konnte. „What did she say?“, fragte Aléa. „Oh, ähm… she said that she’s searching for äh… for a princess that dance for the theatre the Beauty and the Beast. We should dance free, if I can say that.“ Lisas Englisch war sehr schlecht, aber Aléa war ihr dankbar, dass sie übersetzt hatte. „Thank you for translating.“ Lisa nickte ungläubig.

11:00 Uhr. Aléa hatte frei bekommen und wartete sehnsüchtig auf Josh. Er muss seit 10 Minuten am Flughafen sein.

20 Minuten später. Hatte sich Josh am Flughafen verlaufen?

Ein mysteriöser Anruf: „Hallo? Sie sind Notfallkontakt von Josh Hellington?“ „Sorry, I just understand English.“ Aléa war aufgebracht, sie hatte Joshs Namen gehört und machte sich jetzt noch mehr Sorgen. „Okay. Are you the emergency contact of Josh Helligton?“ „Yes, I am! What happened to him?“ „Ok. The message I am about to bring to you is not very easy to take. It's about your boyfriend, Josh, right? He had an accident on the plane. His plane crashed over Switzerland for reasons that have not yet been clarified.“ Zum ersten Mal war sich Aléa nicht sicher, ob sie Englisch richtig verstand. Sie war wie versteinert und konnte nicht realisieren, was die Männerstimme ihr mitteilte. „What?“ Er wiederholte es und ehe Aléa wirklich begriff, was gerade passiert war, sprach der Mann weiter: „It is important that you are not alone now. Go to friends or family. If you need other help, you can also calm down with me via phone. In any case, I wish you a speedy recovery.“ Aléa legte auf. Auf dem Flugmonitor, wo alle Flüge angezeigt werden, stand auf Joshs Flieger, wegen technischen Problemen für längere Zeit ausgefallen. Aléa glaubte dem Mann nicht, sie hatte natürlich trotzdem Angst, er könnte Recht haben. Sie übersetzte sich mithilfe ihres Telefons den Satz und sank zu Boden. Tränen überströmten ihr Gesicht. Josh war tot.

 

Kapitel 4- Tschechien

 

Die Abreise war gekommen und es ging ins nächste Land. Aléa war kein Mensch mehr, sie war nicht in der Realität, sondern befand sich irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft, aber sicher nicht in der Gegenwart. Wenn man mit ihr redete antwortete sie nicht oder in kurzen Sätzen. Sie hatte jegliche Lebensfreude verloren. „Genvier… Where are you? Talk to me. If you're mourning your friend, do it by dancing! Take your strength, don't invest it in crying, but grab everything and dance with full love and deepest sorrow! This is the only way to find your way back to life.“ Aléa nickte stumm. „Aléa… You are still alive. Everything's fine with you. Your friend is dead.“ Aléa erwachte förmlich und antwortete wütend: „Comment osez-vous parler de Josh ? C'est mon ami et il reviendra !“ Sie konzentrierte sich nicht darauf, verständlich zu sprechen, aber sie taute auf. Einige Sekunden später begriff sie erst, was die Choreografin zu ihr gesagt hatte. Sie umarmte sie: „Thank you for saving my life.“  Die Choreografin lächelte. Aléa hatte begriffen, dass sie zurück ins Leben muss, dass Trauer und Tränen nie gewollt waren. Josh wollte immer, dass Aléa glücklich ist. Und sie war glücklich, wenn sie tanzte.

Sie entschied sich, mit nach Tschechien zu fahren und packte ihre Sachen. Als Zeichen trug sie bis jetzt immer ihr schwarzes Trikot, doch jetzt war Schluss mit dem Trauern. Aléa zog ihr Lieblingstrikot an, ein bunter Batik-Body, mit weißen Sprenkeln. Sie mochte es bunt, farbenfroh und fröhlich. Drei Wochen lang waren ihr die Farben ausgegangen, drei Wochen brauchte sie, um zu verstehen, dass Josh nicht tot ist, sondern in ihr lebt, dass sie nur in sich kehren muss und die Erinnerungen an ihn am Leben halten.

Tschechien. Aléa war angekommen. Ein neues Land, ein neues Leben. Ihr wurde noch früh am Morgen mitgeteilt, dass es eine Einladung zu einem Paartanz in einer renommierten tschechischen Oper gibt. Aléa sollte vortanzen. Um sich anzumelden, musste man ein Formular bei der Oper abgeben. Aléa bereitete es während der Fahrt zum Flughafen vor. Sie hatte Angst. Sie wollte nicht fliegen.

„Flug 25 geht in 5 Minuten! In five minutes! En cinq minutes!“ Aléa musste in den Flieger. Tränen liefen ihre Wangen herunter. Hier sollte Josh vor drei Wochen herausgekommen sein. Aléa machte einen Schritt. Sie stand im Flugzeug und hatte sich fast überwunden. Sie starrte auf den Boden, dabei betrachtete sie ihre Schuhe. Bunt. Freude. Aléa setzte sich ins Flugzeug. Sie steckte ihre Kopfhörer ein und schloss die Augen. Sie schlief ein und bekam nichts vom Flug mit. Als Aléa aufwachte, war das Flugzeug noch halbvoll. Es war bereits gelandet und Aléa stieg aus. Sie hatte sich überwunden und ihr neues Leben begann. In Tschechien, Prag.

Aléa rief seit 3 Monaten das erste Mal zu Hause an. Ihre Familie hatte nichts von ihr oder Josh gehört. Ruhig, ohne jegliche Träne erzählte Aléa ihrer Mutter, was mit ihr und mit Josh in den letzten Tagen passiert war. Ihre Mutter machte sich Sorgen, aber Aléa ging es besser. Sie musste es jetzt durchziehen, sonst würde sie nie wieder den Weg zurückfinden, wie es die Choreografin gesagt hatte. Nach dem Telefonat stellte Aléa ihr Handy aus: „3 semaines.“ Dann lief sie zur Ferienwohnung, parkte ihr Gepäck, schnappte sich einen Rucksack und machte sich auf den Weg zur Oper. Prag war schön. Aléa ging durch einen wunderschönen Park und machte mit einer Kamera Fotos. Sie fühlte sich neu, bereinigt, aber immer noch zu schwach, um einen weiteren Schicksalsschlag zu erleben.

Sie gab ihre Bewerbung bei der Oper ab und erhielt ein Vortanzen um 17:00 Uhr. Aléa trug bereits ihr Trikot und somit spazierte sie in der schwülen Luft zu einem Essenstand. Sie bestellte sich Brambora?ka, eine tschechische Kartoffelsuppe. Sie schmeckte lecker.

16:50 Uhr. Das Vortanzen war bald. Aléa hielt sich bereits in der Oper auf und machte einige Dehnübungen. Sie band ihre dunkelbraunen, glatten Haare zu einem Pferdeschwanz und anschließend zu einem festen Dutt. Diesen verpackte sie mit einem Perlennetz. „Aléa Genvier? Jsi na tahu.“ Aléa nahm an, dass sie an der Reihe ist und folgte dem kleinen Mann, der eben nach ihr gefragt hatte.

Es saßen vier Personen hinter einem Pult. Zwei Frauen, ein Mann und… der Junge, der Junge, der vor dem Palais in Wien getanzt hatte, der, der sie bedrängt hatte. Aléa ignorierte ihn, sie versuchte es.

Die Musik begann. Wunderschöne A-Moll Klänge flossen aus einem Flügel und Aléa schloss ihre Augen. Sie sah Josh und sie tanzte. Ihre Füße machten alles für sie. Ihre Arme bewegten sich im Takt. Alles war perfekt. Plötzlich berührte eine Hand ihre Hüfte. Aléa zuckte zusammen, doch er sprach mit ihr: „Alles ist gut, du brauchst keine Angst haben, ich bin es.“ Aléa kamen Tränen. Sie ließ sie über ihre Wangen laufen. Es war der Junge. Sie verstand ihn nicht, doch plötzlich beruhigte er sie. Sie vertraute seinen Tanzanweisungen und weinte dabei, es war fast wie mit Josh. „Nicht weinen.“, sagte er. Aléa öffnete die Augen. Er war wunderschön. Das Lied endete und Aléa ließ ihn los. Er verbeugte sich und lächelte Aléa an: „Merci beaucoup.“ Aléa nickte. „Ah, tu es Française ?“ „Oui.“ „Très bien.“ „Oui.“ Aléa war grundlos perplex. Er sprach so wundervoll mit ihr. „Who are you?“, fragte Aléa schüchtern. „Je suis Erik et je suis de République tchèque.“ Aléa wusste nicht, wie gut Erik französisch sprach, also fragte sie weiterhin auf Englisch. „Why were you in Vienna?“ „I could ask you the same.“ Erik schwang um, auf Englisch. Seine Aussprache war schön. Aléa bemerkte, dass er sich Mühe gab. „I was in Vienna because I’m searching for a job as dancer. And you?“ „I had holidays.“ „Ok. Did you like my perfomance?“ Erik drehte sich zur Jury um und zwinkerte einer älteren Dame zu. „Tu es magnifique.“ „Oui.“ Aléa konnte keine Komplimente von Jungen hören. Josh sagte auch immer… Josh. Aléa wollte seinen Geist freilassen und sich nicht mehr an ihn klemmen, wie ein kleines Kind, das zu schüchtern ist mit der Verkäuferin im Laden zu sprechen und sich hinter seiner Mutter versteckt. Doch das war schwieriger, sie wusste es. „Pardon, if I get the job, call me.“ Aléa gab Erik ihre Telefonnummer und verschwand ohne weitere Worte. Erik schaute ihr nach. Er war perfekt. Wunderschön, musikalisch, ein Tänzer und höflich. Und er hatte Aléa im Auge, er mochte sie und Aléa wollte ihn nicht mögen.

Aléas Telefon klingelte. Ihr Herz schlug schlagartig schneller. Erik. „Allô?“, sagte sie neugierig. „Salut, mon amie!“ Lieànne. Ihre bisher beste Freundin. „Anne! Ça va ? Tu es où ?“ „Moi, ça va très bien ! Je suis à Cracovie ! Avec Frank.“ „Est-ce qu’il est sympa ? Est-ce que tu l’aimes ?“ „Il est super, magnifique, adorable ! Il est tout. Et je l’adore ! Je vais l'épouser !“ „Wow ! Tu veux ?“ Aléa und Lieànne telefonierten noch lange und Aléa konnte kaum fassen, dass Lieànne Frank heiratete. Sie war glücklich, dass sie damals nicht mit ihm gegangen war, sondern weiter reiste, obwohl sie es nur für Josh tat und er war schließlich nicht mehr da. Doch schnell versuchte Aléa diesen Gedanken zu löschen und freute sich einfach für Anne. Lieànne lud Aléa ein, zu ihrer Hochzeit und ihrem Junggesellenabschied zu kommen, ein Kleid mit auszusuchen und ihre Brautjungfer zu werden. Lieànne war 19, Aléa 17. Aléa schätzte Frank auf circa 32 Jahre. Also trennten Anne und ihn 13 Jahre. Für Aléa war das zu viel, doch sie freute sich für ihre Freundin, dass sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte. Alle Feste, einschließlich der Hochzeit waren in Schweden geplant. Frank liebte Skandinavien, erzählte Lieànne. Doch Aléa konnte vorerst nicht weg. Sie musste erst einen Job haben, um sich freinehmen zu können. Die Hochzeit sollte in 4 Wochen stattfinden. Wenn Aléa den Job von Erik nicht bekommen würde, dann müsste sie weiter nach Polen reisen und könnte nicht auf Lieànnes Hochzeit kommen. Erik rief an dem Tag nicht mehr an.

In Prag regnete es und es war kalt. Kein schöner Sommertag. Aléa zog sich warm an und lief zur Oper. Sie wollte wissen, ob sie den Job bekommen hatte und sie hoffte sehr, dass es der Fall war. Am schwarzen Brett stand die Entscheidung. Aléa las die Tabelle von oben nach unten durch. Es ging um einen Paartanz.

1.            Besetzung- Aléa Genvier/ Erik Ku?era

2.            Besetzung- Parker Jamson/ Leo Harms

Aléa hatte es geschafft. Sie tanzte die erste Besetzung für den Paartanz eines noch nicht öffentlich bekannten Choreografen. Und sie hoffte, dass Erik Ku?era der Erik war, mit dem sie beim Vortanzen tanzte. Morgen war der erste Probentag.

Die Tanzkleidung war vorgegeben. Aléa trug ein strahlend weißes Trikot und einen roséfarbenen Tüllrock. Sie sollte mit offenen Haaren tanzen. Ihre Spitzenschuhe waren bis unters Knie gebunden. Ebenfalls sollte sie Weiße tragen. Der gesamte Tanz sollte vor einer schwarzen Leinwand stattfinden und nur die Tänzer sollten weiß sein, also war auch Aléas Tanzpartner weiß bekleidet, anstatt klassisch in einer schwarzen Strumpfhose. Aléa sollte sich auf die Bühne stellen und improvisieren. Die Musik war so schön, dass Aléa sich nicht anstrengen musste mit Gefühl zu tanzen. Erik kam auf die Bühne. Es war der Erik. Aléa war erleichtert und umarmte ihn. Sie kombinierte es mit ihrer eigenen Choreografie. Erik hob sie hoch und sie formten gemeinsam ein wunderschönes Tanzbild. Ihre Chemie stimmte überein.

Die Pause begann. Aléa ging zu Erik und umarmte ihn ein weiteres Mal. Sie war ihm dankbar. Er schob Aléa nicht weg, sondern schloss seine Arme ebenfalls um sie. „Merci.“ Aléa fühlte nun wieder, wie schön es war Kontakt mit einem Menschen zu haben, Körperkontakt. Erik lächelte Aléa mit seinen weißen Zähnen an und sagte dann: „I like you. Your face is beautiful.“ Zum ersten Mal stritt Aléa ihm etwas nicht ab. „I love you.“ Aléa erschrak. Sie hatte sich verliebt, das sagte ihre Stimme. Sie war schockiert, wie schnell sie sich eine neue Liebe gesucht hatte. Sie wollte ihn nicht mögen, schon gar nicht lieben, doch Aléa konnte es nicht verhindern. Erik starrte sie an. Er ließ ihre Hände los und ging einen Schritt zurück. „You are in love with me?“ Er schaute böse. Aléa war ehrlich. „I guess.“, zitterte es in ihrer Stimme. Zum ersten Mal machte sie einen Schritt auf ihn zu. Aléa nahm Eriks Hände und griff sie fest. Erik stand still da. „Do you love me?“ „I“ „You don’t.“ „No! I'm actually almost blinded by you. You are so wonderful, I love you more than I ever thought someone could love a person so much.“ Aléa zögerte nicht. Josh hätte es gewollt, sie war sich sicher. Doch bevor sie sich endgültig entschied, tat es Erik. Sie küssten sich. Die Lippen berührten sich sanft. Aléa schloss ihre Augen. Der Tag war so schön wie jener Tag, an dem Aléa Josh küsste.

 

 

Kapitel 5- Europa

 

Aléa und Erik waren offiziell zusammen und sie durften den Paartanz vom Starchoreografen Alexander Faunteelle aus Belgien in der Tschechischen Republik tanzen. Er symbolisierte freie Liebe, die keine Nationen trennt. Aléa fühlte sich zu Hause. Nun, egal wo sie war, in Europa war immer eine freundliche Seele, jemand, der ihr Beistand leistete, ob es bei ihrer Familie in Frankreich war, in Wien bei der Choreografin, in Tschechien bei Erik, oder in der Schweiz, Polen oder Schweden bei Frank und Lieànne. Sogar in Litauen würde sie Menschen finden, die sie auffangen würden, da war sich Aléa sicher. Europa war ihr zu Hause, nicht eine kleine Wohnung in Paris, in der sie sich verschanzen konnte, wenn sie wütend war, nein, es war ein Kontinent mit grenzenlosen Möglichkeiten, Personen und Orten, die freundlich und hilfsbereit waren. Und Aléa war stolz, ein Teil von diesem Ganzen zu sein, sie war stolz, eine hilfsbereite Person zu sein, zu der man kommen konnte, um sich zu Hause zu fühlen. Europa war Aléas Familie und um seine Familie kümmert man sich, so gut man kann, damit es jedem gut geht und man selbst glücklich sein kann. Aléa hatte Erik, einen tschechischen Freund, der die französische Sprache liebte und gerne Urlaub in Österreich machte, weil ihm die Herzlichkeit gefiel. Gemeinsam mit ihm flog Aléa nach Stockholm zu Lieànne und begleitete ihre Hochzeit. Anschließend reisten Erik und Aléa und lernten ihre große Familie Europa kennen. Sie hatten Spaß.

 

Und selbst als Aléa an Joshs Grab zu weinen anfing, war Erik da und tröstete sie, er liebte sie von ganzem Herzen und beide bemerkten, wie viel Liebe in die Seele eines Menschen passt… JA, ein ganzer Kontinent!

 

 

 

 

Europa

von Lino Ayaz, 6b

 

Kommt mit, wir machen eine Reise durch Europa!

Als erstes nach Italien, da gibt es Pizza und Pasta. O, da ist der schiefe Turm von Pisa und viele Touristen. Zeit für ein Foto!

Ab nach Frankreich, da können wir uns mit Crêpes beschäftigen, oder mit dem Eiffelturm.


Jetzt geht's Richtung Ukraine. Lasst uns viel Glück wünschen, denn da sehen wir leider nur Krieg.


Und jetzt nach Schweden, da wird im Sommer das meiste Eis gegessen. O, da ist ein Hirsch und sehr viel Schnee!


Jetzt können wir rüber nach Spanien, da gibt es Churros. Außerdem auch Inseln mit wunderschönen Küsten. Das Nachbarland Portugal hat genauso schöne Strände und von da kommt die Bratwurst.


So jetzt kommen wir zum letzten Land unserer Reise: Deutschland. Da gibt es das Brandenburger Tor in Berlin. Und ein tolles Wattenmeer an der Nordsee.


Das wars auch schon, aber hier noch ein paar Fakten zu EUROPA: Europa ist mit über 10 Millionen km² ziemlich groß, aber trotzdem ist es der kleinste Kontinent. Der Sub-Kontinent Europa wurde nach einer Göttin benannt. Hier in Europa gibt es die EU und die NATO. Und es gibt sehr viele Sprachen. Zum Beispiel Spanisch, Französisch, Deutsch, Russisch und Italienisch.

Jetzt ist die Tour durch Europa aber wirklich zuende!

 

 

 

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